Hypergamie bezeichnet eine Partnerwahl oder Verbindung, bei der eine Person nach einem bestimmten Vergleichsmaßstab ein Gegenüber mit höherem sozialen Status wählt. Dieser Maßstab kann sich beispielsweise auf Bildung, Beruf, Einkommen, soziale Herkunft oder gesellschaftliches Ansehen beziehen. Vereinfacht wird Hypergamie deshalb manchmal als „nach oben heiraten“ oder „nach oben daten“ beschrieben.
Der Begriff bezieht sich nicht ausschließlich auf Frauen oder Männer. Er beschreibt ein mögliches Muster, keine feste Regel für die Partnersuche und keine allgemeingültige Aussage über Singles. Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen einem statistisch beobachteten Muster, einer bewussten persönlichen Präferenz und einer bloßen Fremdzuschreibung.
Was bedeutet ein „höherer Status“?
Von einem höheren Status lässt sich nur sprechen, wenn der jeweilige Vergleichsmaßstab feststeht. Eine Person kann einen höheren Bildungsabschluss haben, während die andere mehr verdient oder beruflich eine verantwortungsvollere Position innehat. Auch soziale Herkunft und öffentliches Ansehen können unterschiedlich bewertet werden. Einen einzigen, objektiv messbaren Gesamtstatus gibt es daher in vielen Fällen nicht.
In wissenschaftlichen Untersuchungen wird Hypergamie meist anhand eines klar benannten Merkmals betrachtet. Bei Bildungshypergamie wird beispielsweise der Bildungsabschluss beider Beteiligten verglichen. Eine 2021 veröffentlichte Untersuchung wertete dafür Daten aus neun Erhebungswellen des European Social Survey für 27 europäische Länder aus. Sie beschreibt einen Rückgang traditioneller Bildungshypergamie über mehrere Geburtskohorten und bringt ihn mit dem gestiegenen Bildungsniveau von Frauen sowie der Zusammensetzung des Partnermarkts in Verbindung. Dabei definiert die Studie eine Verbindung als hypergam, wenn der Mann den höheren Bildungsabschluss hat, und als hypogam, wenn die Frau den höheren Abschluss hat. Diese geschlechtsspezifische Einteilung gehört zum Untersuchungsmodell und ist keine allgemeine Aussage über die Motive einzelner Menschen.
Hypergamie beim Online-Dating
Beim Online-Dating können Angaben zu Ausbildung, Beruf oder Lebensstil sichtbar machen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen zwei Menschen bestehen. Daraus lässt sich jedoch nicht sicher ableiten, warum jemand Kontakt aufnimmt. Wer einen interessanten Beruf attraktiv findet, sucht nicht zwangsläufig gezielt nach einem statushöheren Gegenüber.
Auch eine bewusst formulierte Präferenz ist noch nicht mit einem späteren Beziehungsmuster gleichzusetzen. Jemand kann sich einen finanziell unabhängigen Menschen wünschen, weil ähnliche Vorstellungen von Alltag und Zukunft wichtig sind. Umgekehrt kann eine Verbindung mit deutlichem Einkommensunterschied entstehen, obwohl Status bei der Partnersuche keine erkennbare Rolle gespielt hat. Profile und Gespräche zeigen eher, was einer Person wichtig ist, als ein allgemeines Gesetz über die Gesellschaft oder die heutige Zeit.
Ein neutrales Beispiel
Zwei Menschen lernen sich über ein Online-Profil kennen. Eine Person hat einen höheren Bildungsabschluss, die andere verfügt über mehr Berufserfahrung und ein höheres Einkommen. Je nachdem, welches Merkmal betrachtet wird, könnte die Verbindung unterschiedlich eingeordnet werden. Das Beispiel zeigt, warum Aussagen wie „Diese Person datet nach oben“ ohne einen klaren Maßstab wenig aussagekräftig sind.
Muster, Absicht oder Zuschreibung?
Der Begriff Hypergamie wird nicht immer auf dieselbe Weise verwendet. Drei Ebenen sollten auseinandergehalten werden:
- Beobachtetes Muster: In einer Gruppe wird untersucht, wie häufig Partnerschaften zwischen Menschen mit unterschiedlichen Bildungs- oder Statusmerkmalen vorkommen.
- Persönliche Präferenz: Eine Person wünscht sich ausdrücklich ein Gegenüber mit bestimmten beruflichen, finanziellen oder bildungsbezogenen Voraussetzungen.
- Fremdzuschreibung: Außenstehende unterstellen jemandem hypergame Motive, ohne dessen Beweggründe zu kennen.
Ein statistisches Ergebnis beweist keine bewusste Absicht. Ebenso lässt eine einzelne Beziehung keine zuverlässigen Rückschlüsse auf ganze Geschlechter oder gesellschaftliche Gruppen zu.
Wie der Begriff in Online-Debatten verwendet wird
In sozialen Medien und Geschlechterdebatten wird Hypergamie häufig wertend eingesetzt. Pauschale Behauptungen, nach denen eine bestimmte Gruppe grundsätzlich nur „nach oben“ date, gehen über eine sachliche Verwendung des Begriffs hinaus. Sie übersehen individuelle Wünsche, gegenseitige Anziehung, zufällige Begegnungen und die Frage, welche Menschen überhaupt als mögliche Partner zur Verfügung stehen.
Solche Verallgemeinerungen können zudem zum Vorwurf werden: Beruflicher Erfolg, finanzielle Stabilität oder ein bestimmter Bildungsweg werden dann vorschnell als Beweis für berechnende Partnerwahl gedeutet. Sachlicher ist es, über konkrete Erwartungen zu sprechen. Fragen nach Lebensplanung, Umgang mit Geld, Arbeitsteilung oder beruflichen Zielen liefern meist mehr Orientierung als ein Etikett.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
- Hypergamie: Eine Person wählt ein Gegenüber, dessen Status beim betrachteten Merkmal höher eingeordnet wird.
- Hypogamie: Eine Person wählt ein Gegenüber, dessen Status beim betrachteten Merkmal niedriger eingeordnet wird.
- Homogamie: Beide haben beim untersuchten Merkmal einen gleichen oder ähnlichen Status.
- Assortative Partnerwahl: Der Begriff beschreibt eine nicht zufällige Partnerwahl anhand bestimmter Merkmale. Untersucht werden können unter anderem Ähnlichkeiten oder Unterschiede bei Bildung, Alter, Einstellungen und Lebensweise.
Auch Sugardating ist nicht mit Hypergamie gleichzusetzen. Hypergamie beschreibt ein Statusverhältnis beziehungsweise ein Muster der Partnerwahl. Finanzielle Unterstützung, Absprachen oder mögliche Abhängigkeiten betreffen dagegen die konkrete Gestaltung einer Beziehung. Beides kann zusammentreffen, muss es aber nicht.
Wie lässt sich der Begriff fair verwenden?
Wenn Du Hypergamie auf eine konkrete Situation beziehen möchtest, helfen drei Fragen:
- Welches Merkmal wird überhaupt verglichen: Bildung, Einkommen, Beruf, Herkunft oder Ansehen?
- Geht es um ein nachweisbares Muster oder nur um eine Vermutung über persönliche Motive?
- Würde ein direktes Gespräch über Erwartungen mehr Klarheit schaffen als die Zuschreibung eines Etiketts?
Gemeinsame Entwicklung muss keinen Aufstieg über den anderen bedeuten. Menschen können sich beruflich, finanziell oder persönlich unterstützen, ohne dass ihre Beziehung sinnvoll als hypergam beschrieben werden kann. Ebenso wenig sagt ein Statusunterschied etwas über den Wert oder die Gleichberechtigung der Beteiligten aus.
Fazit
Hypergamie bezeichnet die Wahl eines Gegenübers, dessen Status nach einem festgelegten Merkmal höher eingeordnet wird. Der Begriff kann gesellschaftliche Muster sichtbar machen, erklärt aber weder automatisch die Motive einzelner Menschen noch das Verhalten ganzer Gruppen. Beim Dating ist es deshalb hilfreicher, nach konkreten Wünschen und Lebensentwürfen zu fragen, statt andere vorschnell als hypergam zu bezeichnen.
Quelle
- Dávid Erát: Educational assortative mating and the decline of hypergamy in 27 European countries: An examination of trends through cohorts, Demographic Research, Band 44, 2021, Seiten 157–188.

